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„Ich habe alles gelebt“
Leidenschaften einer Sammlerin

Peggy Guggenheim

Peggy Guggenheim
1898 (New York, USA) - 1979 (Padua, Italien)
Kunstsammlerin, Galeristin, Mäzenin

Manch passionierter Sammler, so postuliert die Psychologie, will einen Mangel kompensieren, hat dominante Züge und ist auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Das Sammeln ist ein Vehikel, um interessante Kontakte zu knüpfen und das Leben mit sinnstiftenden Inhalten zu füllen.

Vielleicht sind einige dieser Aspekte auch wahr für Peggy Guggenheim. Sie hat eine der bedeutendsten Kunstsammlungen des 20. Jahrhunderts zusammengestellt.

 

 

 

 

Geld macht nicht glücklich

Ihre Kindheit empfindet Peggy Guggenheim – die eigentlich Marguerite heißt und 1898 geboren wird – als unglücklich. Umgeben von Personal, wächst sie mit ihren zwei Schwestern ziemlich isoliert in einem Haus am Central Park in New York auf. Mit Ausnahme der letzten Schuljahre wird sie daheim unterrichtet.

Ihre Eltern führen keine harmonische Ehe. Sie stammen aus jüdischen Auswandererfamilien, die es in den USA innerhalb weniger Generationen von bitterer Armut zu enormen Reichtum gebracht haben. Vater Benjamin ist als Lebemann und Frauenheld verschrien, doch seine Tochter hängt sehr an ihm.

 

Aus dem goldenen Käfig

Die größte Tragödie in Peggy Guggenheims Kindheit ist der Tod des Vaters. Er stirbt 1912 beim Untergang der Titanic. Seine Tochter kommt darüber lange Zeit nicht hinweg.

Nach dem Schulabschluss unterzieht sie sich einer Schönheits-OP, weil sie ihre „Guggenheim-Nase“ loswerden möchte. Der Eingriff geht schief, und das ersehnte Stupsnäschen erscheint fortan knollig. Doch Peggy Guggenheim hat keine Lust sich zu verstecken – sie will endlich unter Leute kommen.

Und so beginnt sie im Avantgarde-Buchladen „Sunwise Turn“ in Manhanttan zu arbeiten; dafür bekommt sie zwar kein Geld, darf aber besonders günstig Bücher erstehen. Hier lernt die junge Frau Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller kennen.

 

Eine Amerikanerin in Paris

Zum 21. Geburtstag erhält Peggy Guggenheim ihr Erbe (450.000 Dollar) und beschließt nach Europa zu reisen. Sie lässt sich in Paris nieder und heiratet den dadaistischen Schriftsteller und Bildhauer Lawrence Vail. Mit ihm stürzt sie sich ins Bohème-Leben der Roaring Twenties.

Ihren wilden Lebensstil behält sie bei, als die Kinder Sindbad und Pegeen auf die Welt kommen; sie werden zeitlebens ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Mutter haben. Diese genießt das Treiben in den Pariser Salons in vollen Zügen, sie lernt Künstler wie Man Ray und Marcel Duchamp kennen. Einige ihrer Künstler-Freunde unterstützt sie über viele Jahre großzügig.

 

Halt in der Kunst

Diese Beständigkeit gilt nicht für Liebesangelegenheiten. Die Ehe mit Lawrence Vail endet katastrophal. Ende der 1920er übersiedelt Guggenheim nach England und hat eine Reihe von Beziehungen und Affären, u. a. mit Samuel Beckett. Auch in ihrer neuen Heimat genießt sie die Gesellschaft von zeitgenössischen Künstlern. Sie ist Ende 30, als sie beginnt, deren Kunstwerke zu kaufen. Schließlich eröffnet sie im Jahr 1938 in London eine Galerie, u. a. mit Werken von Jean Cocteau.

 

Unheilbar: Die Sammel-Leidenschaft

Obwohl die Galerie wirtschaftlich kein Erfolg wird, ist Guggenheim nun mit der Sammel-Leidenschaft infiziert. Sie geht zurück nach Frankreich und träumt von einem eigenen Museum für zeitgenössische Kunst.

Guggenheim investiert nun systematisch in Surrealismus, Kubismus und Expressionismus. Dabei kommen ihr die Kriegswirren zugute; viele Werke kann sie günstig erstehen. Bald gehören ihr Werke von Picasso, Dalì, Kandisky, Mondrian und Chagall.

 

Zwischenspiel in New York

Wenige Tage bevor die deutschen Truppen in Paris einmarschieren, verlässt Peggy Guggenheim gemeinsam mit der Sammlung die Stadt. Dank ihrer finanziellen Unterstützung gelingt einigen Künstlern die Flucht aus Europa, und auch sie selbst lässt sich im Jahr 1941 in New York nieder.

Hier bleibt sie zwar nur wenige Jahre, ist aber hoch produktiv. Sie gründet die Galerie „Art of This Century“, führt eine kurze Ehe mit dem Maler Max Ernst und fördert den Actionpainter Jackson Pollock. Kurz nach Kriegsende zieht es sie wieder nach Europa.

 

Der Palazzo als Kunst-Biotop

Die letzten drei Lebensjahrzehnte verbringt Peggy Guggenheim in ihrer Lieblingsstadt Venedig. Die „ultima dogaressa“ – also „letzte Dogin“ – unternimmt Fahrten in der Gondel, oft ausgestattet mit exzentrischen Sonnenbrillen und in Begleitung ihrer heiß geliebten Lhasa-Apso-Hunde.

Ihr renovierter Palazzo ist, wie schon ihre Häuser in Frankreich, England und den USA eine Mischung aus Wohnhaus und Galerie. Hier hält Peggy Guggenheim Hof, organisiert Ausstellungen, feiert Partys und gewährt befreundeten Künstlern Gastfreundschaft.

In Venedig beschließt sie, dass ihr großes Kunstwerk – die Sammlung – nach ihrem Tod in die Guggenheim Foundation ihres Onkels Solomon aufgenommen werden soll. Außerdem zieht sie in ihrer Autobiografie Resümee. Sie bekennt: „Ich habe alles gelebt“.