Imperium der Stofftiere
Mit Rollstuhl in die Chefetage
Margarete Steiff
1847 (Giengen an der Brenz, Deutschland) - 1909 (ebenda)
Unternehmerin und Spielwarenfabrikantin
Konservatives Elternhaus in der schwäbischen Provinz? Lähmung der Beine und starke Schmerzen in der rechten Hand? Von solchen Umständen lässt sich Margarete Steiff schon in jungen Jahren nicht aufhalten. Das lebhafte und wissbegierige Mädchen, das im Alter von 18 Monaten an Kinderlähmung erkrankte und zeitlebens an den Folgen der Virusinfektion leidet, besucht trotz Behinderung die örtliche Schule. Außerdem unterzieht sie sich tapfer einer Reihe von langwierigen, aber erfolglosen medizinischen Behandlungen.
Selbst ist die Frau!
Als Heranwachsende absolviert sie eine Schneiderausbildung. Denn auch wenn sie im Rollstuhl sitzt, will Margarete Steiff keinesfalls komplett von ihrer Familie abhängig sein. Sie gilt nämlich auf dem Heiratsmarkt als unvermittelbar und daher als „unversorgt“. So beginnt sie schon in Teenagerjahren bei ihren beiden älteren Schwestern in der familieneigenen Schneiderei zu arbeiten.
Trotz Handicap bedient sie eine der ersten Nähmaschinen der Region mit viel Geschick. Nachdem ihre Geschwister verheiratet und aus dem Elternhaus ausgezogen sind, macht sie sich mit einem Konfektionsgeschäft selbständig und beschäftigt bald einige Näherinnen. Außerdem handelt die Jungunternehmerin mit Filz. Wenn sie neue Geschäftsideen umsetzt, bindet sie häufig Mitglieder ihrer Familie mit ein.
Ein Dickhäuter macht Karriere
Im Jahr 1879 wird Margarete Steiff in einem Modemagazin auf ein Schnittmuster aufmerksam. Nach der Tiervorlage fertigt sie ihr erstes „Elefäntle“. Das ursprünglich als Nadelkissen gedachte und weich gefüllte Stofftier wird vorerst nur an die Kleinen im Familienkreis verschenkt. Doch Schmusespielzeuge sind eine Marktlücke, und der kuschelige Elefant bekommt im Laufe der Jahre immer mehr Fans. Bald verkaufen sich die Filz-Rüsseltiere zu tausenden.
In Margarete Steiffs Werkstatt wird die Modeproduktion zur Nebensache. Sie konzentriert sich auf die Herstellung von Spielwaren, entwirft Puppen und immer neue Tierchen für ihre Manufaktur, zum Beispiel Giraffen, Mäuse, Hunde und Affen. Die Produkte werden erst auf Wochenmärkten, dann in Katalogen und auf Messen angeboten. Immer mehr Mitarbeiter stoßen zum Unternehmen, die Produktionsstätten müssen erweitert werden – auch wenn es dem Betrieb wirtschaftlich nicht immer rosig geht. Doch um 1902 arbeiten bereits rund 200 Menschen für die „Filz-Spielwaren-Fabrik“.
Die Erfindung des Teddys
Es ist ein Glücksfall, dass Margarete Steiff in ihrem Unternehmen wohl das Zepter in der Hand hält, aber auf Vorschläge von Familienmitgliedern hört. Ihr Neffe Richard Hähnle erfindet den Teddybären und bringt ihn trotz anfänglicher Skepsis seiner Tante auf den Markt. Rasch kommt es zu einem wahren „Bärenboom“. Im Jahr 1907 fertigt das Unternehmen fast eine Million Teddys.
Auch die Idee eines anderen Neffen erweist sich als genialer Schachzug für den Familienbetrieb. Franz Steiff verpasst den Spielsachen ihr einzigartiges Erkennungszeichen: den „Knopf im Ohr“. Das Markenetikett hebt die hochwertigen Stofftiere von billigen Plagiaten ab. Margarete Steiff ist bis zu ihrem Tod im Jahr 1909 beruflich höchst aktiv. Ihrem Tagebuch vertraut sie an: „Ich bin alle Tage im Geschäft, daheim ist es mir zu langweilig.“